Richard Kaan über das aktive Leben im Unruhestand | Hamburg1 Frühcafé Interview

Tauche ein in das inspirierende Gespräch mit Richard Kaan, der uns erzählt, wie er den Ruhestand als neue Lebensphase betrachtet. Als ehemaliger Oldtimer-Experte und nun erfolgreicher Vortragender teilt er seine Erkenntnisse darüber, wie man auch nach dem Ende der klassischen Berufstätigkeit aktiv bleiben kann. Erfahre mehr über seine aktuellen Bücher „Ich arbeite nicht mehr, jetzt bin ich tätig“ und „Ich muss fast nichts und darf fast alles“ sowie über seine persönliche Philosophie des Tätigseins. Ein Gespräch voller Lebensweisheit und Anregungen für ein erfülltes Leben im Alter.

Transkript

Marco:

Guten

Marco:

Morgen und natürlich ganz herzlich willkommen im Frühcafé und guten Morgen, herzlich willkommen, Richard

Richard:

Kahn. Guten Morgen, Marco, danke für die Einladung.

Marco:

Sehr gerne. Wir sprechen jetzt über deine aktuellen Bücher, über ein ganz aktuelles und das zweitaktuellste sozusagen in dieser Reihenfolge. Was machst du aktuell? Du bist im Unruhestand und genießt den oder wie kann man das sagen?

Richard:

Ich bin von Amts wegen für alt erklärt worden. Vor ein paar Jahren, ich habe also meinen Pensionsbescheid bekommen. Bei euch heißt das, glaube ich, Rentenbescheid. Aber ich will ja noch mindestens 20 Jahre arbeiten. Und nachdem ich dann überlegt habe, was tue ich? Soll ich weiter unter dem alten Auto hervorkriechen mit 80, 85? Darunter komme ich ja wahrscheinlich, aber rauf komme ich wahrscheinlich nicht mehr. Also habe ich überlegt, es muss etwas anderes sein. Und kam dann zu dem Entschluss und sage, ich will die nächsten schönen Jahre vom Wort leben. Vom Wort in Schrift und als Vortragender. Und das mache ich heute.

Marco:

Sehr schön und das sehr erfolgreich und das macht eine Menge Spaß. Zwei der aktuellen Bücher sehen wir hier. Die tragen den Titel Ich arbeite nicht mehr, jetzt bin ich tätig und ich muss fast nichts und darf fast alles. Du hast alte Autos angesprochen. Als du mich das letzte Mal besucht hast, das ist ein paar Jahre her, da ging es um Passion Oldtimer. Du bist Oldtimer. Warst du ein Oldtimer-Gutachter hauptberuflich gewesen? Wie kann man das sagen?

Richard:

Vielleicht würde ich es so ausdrücken. Nicht nur ich, sondern andere Menschen werden zunehmend, glaube ich, mehrere Phasen des Berufslebens haben. Ich habe 20 Jahre lang alte Autos restauriert. Mit einer Mannschaft haben wir weltweit exportiert und waren sehr erfolgreich damit. Danach habe ich 20 Jahre als Gutachter auf der anderen Seite gestartet. Ich habe quasi gearbeitet. Ich habe ausgebessert oder eine Hilfestellung geleistet. Und jetzt die nächsten 20 Jahre will ich eben als Vortragender sein. Wobei es ganz lustig ist, wie kam ich zu dem Thema? Wenn man heute Vortragender sein will, muss man das lernen. Meine Frau sagt zwar immer, du kannst ja plauschen, aber das reicht ja nicht, sondern Vortragender zu sein, das ist ein Beruf. Und dazu muss man sich ausbilden lassen. Und unter anderem habe ich mich bei Hermann Scherer ausbilden lassen. Tolle Ausbildung. Und dort habe ich eine wunderbare Dame getroffen, die heißt Greta Silver, ich glaube, sie ist Hamburgerin.

Richard:

Und die hat mir gesagt, weißt du überhaupt, dass Oldtimer im Englischen alter Mensch heißt und nicht altes Auto? Und da ist mir das Licht aufgegangen. Das ist mein Thema. Auch deswegen, weil es zwischen vierrädrigen Oldtimern und zwei Beinigen ja sehr viele Gemeinsamkeiten gibt.

Marco:

Stimmt. Jeder kennt den Begriff Teenager, Best-Ager, wird aber auch immer bekannter. Und du hast eben gesagt, du hast gar keine Lust aufzuhören, also du möchtest weitermachen, noch mindestens 20 Jahre lang. Ist das ein Trend der Zeit gerade? Glaubst du, es sind viele Leute, die genau das möchten und nicht einfach aufhören zu arbeiten?

Richard:

Lass es mich so ausdrücken. Der erste Mensch, der 120 Jahre alt wird, ist schon geboren. Vielleicht wirst du es, ich wäre es ziemlich sicher nicht, aber unsere Kinder. Was heißt das nach heutiger Zeitrechnung? 30 Jahre Ausbildung, 30 Jahre Arbeit und dann 30 Jahre Rente, 40 Jahre Rente, 50 Jahre Rente, das geht sich nicht aus. Und auf der anderen Seite ist der heute 60-Jährige in seinem Zustand, vielleicht auch in seiner Lebensweise ähnlich wie früher ein 40-Jähriger war oder ein 50-Jähriger. Das heißt, die Leute, die heute ausgemustert werden. Die Leute, die heute ausgemustert werden oder oft gehen müssen, obwohl sie gar nicht wollen, für die gibt es ja noch ein Leben danach. Das heißt, es ist ein absoluter Trend, dass man länger arbeitet und länger tätig bleibt. Das heißt nicht, dass man gleich weiterarbeiten muss wie vorher. Es kann sein, aber das ist vielleicht ein Tag in der Woche, zwei Tage in der Woche.

Richard:

Auf das Thema in dieser Form aufmerksam gemacht wurde ich in Australien. National Gallery in New South Wales. Und wir stehen dort in Laien. Die Australier können das, wir Europäer können das ja nicht ordentlich. Aber wir stehen da, warten bis wir drankommen. Und da war ein altes Mutterl, sage ich so, 90 ungefähr und hat mir ein Ticket gegeben. Und ich spreche sie an und sage, entschuldigen Sie, ich bin unhöflich. Müssen Sie noch arbeiten? Ich strahle sie, nein, ich darf. Zahlt man Sie dafür? Nein. Man gibt mir die Buskarte, aber selbst wenn ich diese nicht bekäme, ich würde trotzdem kommen. Weil? Einen Tag davor darf ich mich vorbereiten. Dann bin ich diesen einen Tag da und am nächsten Tag erzähle ich meinen Freundinnen, wen ich alles getroffen habe. Morgen werde ich meinen Freundinnen von Ihnen erzählen.

Marco:

Was man in letzter Zeit häufiger erlebt hat, das Lieblingsrestaurant hat mittags geschlossen, Personalmangel. Der Flug wurde gestrichen in den Urlaub, Personalmangel, Kofferchaos, Personalmangel, Fachkräftemangel. Ist das vielleicht dann auch eine Chance, dass Leute sagen, ich arbeite eben ein bisschen länger, als ich eigentlich… Müsste oder dürfte?

Richard:

Unbedingt. Und zwar aus drei Bereichen heraus. Das erste, um die älteren Menschen einzubinden. Sie bleiben sichtbar, sie bleiben ein Teil der Gesellschaft, sie haben eine Struktur, sie sehen einen Sinn in ihrem Dasein. Das zweite ist, dass der Arbeitgeber wohlberaten ist, wenn er rechtzeitig seinen älter werdenden Menschen ein Angebot macht und sagt, du bist jetzt, ich weiß nicht, 60. Ich hätte dich gerne in Zukunft auch noch. Sag du mir, was du gerne willst. Vielleicht willst du in derselben Position bleiben, vielleicht auch einen anderen Job haben, vielleicht eben nur kurz da sein. Und das dritte ist die Allgemeinheit, die einen wesentlichen Vorteil dadurch hat, weil es gibt genügend wissenschaftliche Studien, die beweisen, dass tätige und aktive Menschen älter werden. Gesünder älter werden, hauptsächlich. Das Älterwerden ist vielleicht nicht im Sinn des Staates, weil das kostet dann mehr Pension. Aber gesünder älter werden, in jedem Fall. Viel weniger Pflegenotwendigkeit, weniger Kosten für den Staat etc.

Richard:

Also eigentlich ist es eine Win-Win-Win-Situation.

Marco:

Nehmen wir mal den Angestellten und den Selbstständigen. Der Angestellte, der geht dann eben irgendwann in Rente, so wie es eben aktuell oder muss gehen. Der Selbstständige hat natürlich die Möglichkeit, dann eben länger und weiter zu arbeiten. Und dann plädierst du auch dafür und sagst dem Selbstständigen oder besser gesagt dem Angestellten, der jetzt in Rente ist, such dir doch nochmal eine neue Herausforderung. Was anderes.

Richard:

Unbedingt. Selbstständige haben die Tendenz, über das Pensionsalter hinaus zu arbeiten. Auch die Tendenz zur Selbstausbeutung. Die hat ein Angestellter natürlich viel weniger. Aber auch die Leute, die sich sinnvollerweise mit dem Ruhestand beschäftigen, schon rechtzeitig, und nicht erst, wenn er wirklich da ist, sollten schon überlegen, was tue ich danach? Habe ich etwas, was mir Spaß macht? Was mich am Laufen hält? Darum nenne ich es ja auch das Tätigsein. Also der Unterschied zwischen Arbeiten und Tätigsein ist für mich in der Freiwilligkeit. Das eine musst du, das andere darfst du. Also Tätigsein kann umfassen Ehrenämter. Wunderbar. Ganz wichtig. Unser Staat würde nicht funktionieren ohne Ehrenämter. Und das hält die Leute positiv in Bewegung. Es kann aber auch heißen, eben ein Job. Und es kann auch heißen, ein ganz anderer Job als vorher. Das, was man ewig schon machen wollte. Vielleicht aber auch eine Ausbildung. Vielleicht geht man wieder auf die Uni oder die Volkshochschule und lernt wieder etwas.

Richard:

Alles, was dich in Bewegung hält, weil dein Hirn ist genauso wie ein normaler Muskel. Du kennst das, wenn du dir einen Arm gebrochen hast, einen verbannt hast, nach 14 Tagen wird er lose, weil der Muskel schrumpft. Das Gleiche passiert mit deinem Hirn.

Marco:

Man kann natürlich auch Bücher schreiben und Vorträge halten, so wie du es machst in deinem Fall. Die beiden Bücher. Sind es deine Erfahrungsberichte? Ist das so eine Art Tagebuch oder ist das ein Ratgeber für Leute, die in dieser Situation sich befinden, ein gewisses Alter haben und sich überlegen, was mache ich jetzt eigentlich?

Richard:

Ich habe mit beiden Definitionen ein bisschen Schwierigkeiten.

Richard:

Ich will keine Ratschläge geben, weil das sind auch Schläge. Die will ich nicht machen. Ratgeber, jein. Aber ich habe es so aufgebaut, dass ich andere Menschen habe zu Wort kommen lassen. Ich habe Freunde, Bekannte, Wissenschaftler gebeten, mir Stellungnahmen abzugeben und Geschichten zu liefern. Weil das ganze Leben besteht doch aus Geschichten. Und das, was ich heute auch machen will, ist Geschichten erzählen. Ich will inspirieren. Ich will nicht mit dem Finger hinweisen und sagen, du musst etwas ändern. Nein. Ich will sagen, hast du schon darüber nachgedacht, wie das ist, wenn du, ich weiß nicht, wenn du zehn Jahre besseres Leben noch vor dir hast. Und du hast zum Beispiel einmal in der Woche deine Enkel. Du kannst hochrechnen dann. Dann hast du sie in zehn Jahren wahrscheinlich um 500 Mal öfter als heute. Ist das nicht ein herrliches Ziel? Ja, das ist ein herrliches Ziel. Das ist ein herrliches Ziel, wie das anzustreben ist.

Richard:

Also das ist ein, das erste Buch, das beschwingte Altern, war mein Zugang zu dem Thema, wo ich viel recherchiert und viel gelernt habe. Und eher lustige Geschichteln, will ich auf Österreichisch sagen, haben. Und das zweite Buch war dann sehr vertiefend zur Arbeit. Das ist fast eine wissenschaftliche Arbeit. Es war also viel dicker ursprünglich. Ich habe dann stark gekürzt. Aber hier geht es wirklich darum, was ist State of the Art? Um den Leuten zu sagen, es betrifft den Menschen, es betrifft den Arbeitgeber, es betrifft die Allgemeinheit. So ist es auch in Kapiteln aufgeteilt. Aber immer mit Augenzwinkern und nie mit dem erhobenen Zeigefinger.

Marco:

Das ist ganz wichtig. Und ja, eine ganz tolle, spannende Thematik. Ich sage vielen Dank für den Besuch im Studio. Dir weiterhin ganz viel Erfolg und viel Spaß vor allem bei dieser Arbeit. Und ich denke mal, dann sehen wir uns sicherlich nochmal für ein weiteres Gespräch in den kommenden Jahren.

Richard:

Danke vielmals. Vielleicht darf ich eines noch dranhängen. Es gibt in Hamburg eine wunderbare Initiative. Die heißt Changemaker 50+. Da sind drei Personen hier involviert. Von Beiersdorf, von Otto, von ich weiß nicht wem noch all. Jedenfalls die machen Kongresse. Die machen ganz aktiv auch Werbung für das Arbeiten im Alter. Und das sollte man sich ungefähr unbedingt ansehen.

Marco:

Toller Tipp nochmal. Vielen Dank und gerne bis zum nächsten Mal.

Richard:

Danke vielmals.

Marco:

Richard Kahn im Frühcafé. Liebe Zuschauer, wir sind gleich zurück nach einer ganz kurzen Pause. Bleiben Sie gerne bei uns. Bis gleich.

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